Hallo in die Runde,
bei diesem Faden: <a href="Eisenbahnprojekt mit 3m Spurbreite">Eisenbahnprojekt mit 3m Spurbreite</a> wurde ab Beitrag 14 das Thema gewechselt: Warum fahren die meisten Eisenbahnen in Mitteleuropa auf Gleisen mit einer Spurweite von 1435 mm? Damit dieses neue Thema leichter zu finden ist, eröffne ich hierzu einen neuen Faden.
Beim Ursprungs-Thread wurde in Beitrag 20 bereits auf einen zentralen Faktor hingewiesen: Die Firma Stephenson in England verwendete dieses Maß aus nachvollziehbaren Gründen in der Frühzeit der Eisenbahnen, und diese Firma dominierte den europäischen Markt anfangs in erheblichem Umfang.
In Irland beispielsweise entstand die erste Strecke mit diesem Maß (1435 mm), die zweite dagegen wurde mit 1880 mm gebaut, die dritte mit 1575 mm. Um das absehbare Chaos und den Nachteil unterschiedlicher Spurweiten zu vermeiden, schrieb das Handelsministerium im Jahr 1843 für die irischen Hauptbahnen eine Spurweite von 1600 mm vor, und das gilt bis heute (siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Track_gauge_in_Ireland ).
Auch das Großherzogtum Baden fand 1600 mm schön und baute ab 1840 seine Strecken in dieser Spurweite. Die Kritik am badischen Sonderweg bügelte die großherzogliche Rgierung mit der rhetorisch gemeinten Frage ab, ob sich jemand vorstellen könne, dass jemals ein großherzoglich badischer Güterwagen auf die königlich württembergische Eisenbahn übergehen würde? Die Umspurung der badischen Staatseisenbahn auf Normalspur erfolgte dann - weitgehend unter laufendem Betrieb - in den 1850er Jahren.
Der sächsische Offizier und Postbeamte Karl Eduard von Poenitz (1795-1858) schrieb sich in seinem Buch: Die Eisenbahnen und ihre Benutzung als militärische Operazionslinien von 1842 die Feder krumm, um die Bedeutung einer einheitlichen Spurweite argumentativ nachzuweisen. Auch noch in der zweiten, umgearbeiteten Auflage des Buches (Adorf : Verl.-Bureau, 1853) beklagt er auf den Seiten 51-53 die "kalte Aufnahme" seiner Ausführungen selbst bei staatlichen Stellen, die es besser wissen müssten.
Uns ist heute der Nutzen einer möglichst einheitlichen Spurweite so selbstverständlich, dass wir uns über Menschen der früheren Zeiten wundern, die schon einen großen Fortschritt darin sahen, dass der Wagen mit der Fracht auf glatten Gleisen und mit Dampf in die übernächste Stadt fuhr, um dort auf einen anderen Eisenbahnwagen umgeladen zu werden. Bei der Spurweite galt halt das liberale Prinzip: "Der Markt richtet's schon."
Wer darüber lachen will, schaue sich die Digitalisierung in unserem Land an, wo der Markt für Glasfaser-Quoten und Behörden-Software-Inkompatibilität sorgt, über die andere (auch freiheitliche) Staaten - nur lachen können.
Es grüßt
Karl