Film über gefährliche Oberleitung mit E93 + E94

  • Den Film kannte ich schon. Er wurde in meiner Ausbildung gezeigt, obwohl Filme und Loks zu der Zeit schon bunt waren.;)

    Das Erden einer Lok beginnt schon bevor Leute aufs Dach steigen - übrigens auch Dieselloks müssen geerdet werden. Da es gefährliche Restspannungen in den Bauteilen geben kann, gibt es solche Schlüsselkonzepte auch auf den Loks um diese Aggregate zu entladen und zu erden. Die Jungs im Film müssten heute den letzten Schlüssel VOR ihrer Tätigkeit entgegen nehmen.

    Das Erden gehört mit zu den wichtigsten BR-Ausbildungsinhalten und das ist auch gut so. Ernsthaft gebraucht habe ich es erst ein Mal seit 2019, als ich meine Ausbildung beendete. Ich nutze dabei stets die Anleitung, obwohl es einfach und selbsterklärend ist, aber ich bin keine Katze und habe nur das eine Leben. Man ist schnell mal abgelenkt oder bringt die BR durcheinander, falls man diese häufig wechselt. Jeder Hersteller macht da sein eigenes Ding und jede Lok anders. Ich hänge mal zwei Kurzanleitungen an, damit der gemeine Laie sich es besser vorstellen kann.

    Hier mal die BR 189 von Siemens, welche ich sehr gerne fahre und bediene. Sie ist unkompliziert, aufgeräumt, einfach zu handhaben und hat Kraft. Erden mit vier Schlüsseln:

    Das Gegenstück zur 189 ist die BR 2019-Euro9000 von Stadler. Sie ist kompliziert, unaufgeräumt weil unlogische Anordnung von Bedieneinheiten, schwerer zu handhaben, störanfällig, hat ebenfalls Kraft (auf trockener Schiene) und natürlich zwei zusätzliche Diesel an Bord. Erden mit elf Schlüsseln:

    Das Zurückrüsten findet in genau umgekehrter Reihenfolge statt. Der Vorarbeiter im Film würde mir, dem Tf, den letzten Schlüssel nach Beendigung der Arbeiten aushändigen und ich kann dann das Moped wieder unter Spannung setzen.

    Liebe Grüsse,
    gerald ehrlich

  • Hallo Gerald,

    im Bw Tübingen bauten in den 80er Jahren wir einen hochstehenden Käfig in die E-Lokhalle, von dem aus direkt auf die Lokdächer übergetreten werden konnte. Käfig deshalb weil der komplett einschließlich Treppe mit Drahtgitter eingehaust war. Die Zugangstüre konnte nur mit dem Schlüssel des - auch im Film zu sehenden - Hauptschalters geöffnet werden. Der Schlüssel konnte dort nur im abgeschalteten Zustand abgezogen werden. Beim Abschalten wurde die Fahrleitung durch den Hauptschalter automatisch geerdet, die Erdungsstangen waren da nicht nötig. Für die Zeit der Aufstellung des Käfigs bekam ich auch so ein nummeriertes Schloss für den Hauptschalter. Hatte damals auch eine Unterweisung in der Benutzung der Erdungsstangen bekommen. Leider keine Bilder davon gemacht und jetzt ist er samt der Halle schon lange wieder weg.

    Grüße aus Lichtenstein (Württemberg)
    Michael

  • Das ist übrigens fast die Umsetzung der

    5 Sicherheitsregeln für Elektrofachkräfte bei Arbeiten an elektrischen Anlagen

    1. Freischalten (Trennen von der Oberleitung und weiterer möglicher Spannungsquellen)

    2. Gegen Wiedereinschalten sichern (Verriegeln der Schalter bzw. Abschließen)

    3. Spannungsfreiheit feststellen (das habe ich in der Anweisung nicht gefunden. Aber als Lokführer arbeitet ihr ja sicherlich nicht an der elektrischen Anlage. Ansonsten fehlt das und ihr müßt Euch blind auf die Anweisung verlassen.)

    4. Erden und kurzschließen

    5. Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken (wenn ich das richtig gesehen habe tritt dieser Fall bei Euch nicht auf, sollte alles Spannungsfrei sein)

    Wenn Ihr auf dem Dach arbeiten müßt, muss die Oberleitung ebenfalls freigeschaltet sein. Das wird wahrscheinlich duch eine Elekrofachkraft durchgeführt.


    Mit Elektrizität ist nicht zu spaßen. Wir haben nun mal keine Sinne die schädliche Spannungen erkennen können.

    Strom und Spannung riecht, höhrt, sieht, fühlt und schmeckt man nicht. Wenn doch, ist es zu spät!

  • Korrekt, Dieter die Regeln sind ähnlich bis identisch. Auch stimmt es, dass ich als Tf nicht an den Hochspannungsteilen herumfummle. Ich bin aber ggf. für die Vorbereitung verantwortlich, sollten Fachkräfte an den Aggregaten arbeiten müssen oder bei Störungen, Unfällen, etc. aufs Dach müssen. Ich selbst gehe niemals aufs Dach.*

    Für mich kann das Erden in bestimmten Störfällen erforderlich sein. Ich musste bisher ein Mal einen FLIRT-Triebwagen erden und für eine Schleppfahrt vorbereiten. Da gab es Probleme mit den Stützbatterien, es stank schon ordentlich nach Schwefel.

    Zu deinem Punkt 3) Bei der Euro9000 findest Du es unter Punkt 2b "Spannungsfreiheit an LED ablesen". Bei anderen Loks prüfe ich durch ein Sichtfenster, ob der Erdungsschalter umgesprungen ist und anliegt. Das hört man zwar vorher deutlich, aber trotzdem ist die Sichtkontrolle wichtig. Sollte es nicht der Fall sein, liesse sich auch nicht der letzte Schlüssel ziehen.

    Zu deinem letzten Satz ergänze ich: Strom macht schwarz und hässlich.

    -----------------------

    * Anfang 2000 wurde ich von jungen Männern von einer Brücke mit einem Ziegelstein beworfen. Der Brocken landete bei knapp 160 Sachen glücklicherweise nicht in der Windschutzscheibe, sondern 1,5 m hinter mir im Dachgarten. Ich führte sofort eine Schnellbremsung durch und leitete den Notruf ein, sodass nicht auch entgegenkommende Züge gefährdet würden. Mein Zug, ein Regionalexpress FLIRT-1, kam ca. 300 m vor einem Haltepunkt zum Stehen und ich bat den Fdl dorthin vorziehen zu dürfen, um auf die BuPo zu warten. Da abzusehen ist, dass so etwas immer länger dauert, konnte ich so zudem den Fahrgästen erlauben, dort auszusteigen um Luft zu schnappen, bzw. diese zu verqualmen.

    Als ich dort meine Leitstelle über den Vorfall informierte, wies mich er Disponent an, mit Hilfe einer Leiter oder Sandkiste, den Dachgarten auf Schäden zu inspizieren. Ich rastete ziemlich aus und wurde laut und unfreundlich am Telefon.:cursing: In der Folge verständigte ich meine Vorgesetzten über seine (sicher unüberlegte) Anweisung. Man stelle sich vor, ein:e noch ungeübte:r, frische:r Tf mit kleinerem Selbstbewusstsein hätte die Weisung erhalten. Oder man ist vom Vorfall selbst noch unter Schock und nicht klar im Denken.

    Liebe Grüsse,
    gerald ehrlich

  • ...

    3. Spannungsfreiheit feststellen (das habe ich in der Anweisung nicht gefunden. Aber als Lokführer arbeitet ihr ja sicherlich nicht an der elektrischen Anlage. Ansonsten fehlt das und ihr müßt Euch blind auf die Anweisung verlassen.)

    ...

    Hallo Dieter,

    vor dem einhängen der Erdungsstangen wurde mit der sogn. Tastspitze die Spannungsfreiheit geprüft und dann mit dem Einhängen dauerhaft gesichert. Im Video wird nur das aushängen der Erdungsstangen gezeigt.
    Heute wird erst ein Spannungsprüfer eingehängt bevor man die Erdungsstange mit dem schweren Kupferseil aufrichtet und einhängt (klick).

    Grüße aus Lichtenstein (Württemberg)
    Michael

  • Hi,

    von meinen Kollegen, die noch im alten Bw gearbeitet haben, hab ich ähnliche Geschichten gehört. Es ist wohl Gott sei Dank nie was passiert. Da hat man manchmal auch die Lok verwechselt. Gerade wie die Br 152 raus kam - sahen ja allesamt gleich aus bis auf die Loknummer.

    Zum Glück ist das heute anders. Die Oberleitung wird per Zweihandbedienung am Schaltschrank ausgeschaltet. Erst wenn die Spannung weg ist und alles geerdet ist, wird der Schlüssel für den Dacharbeitsstand freigegeben. Und erst wenn alle Schlüssel wieder stecken, kann die Spannung wieder eingeschaltet werden.


    Gerald die 186 und 187 haben ein ähnliches Erdungskonzept wie die von dir erwähnte Stadler Lok. Aber das Erden mit 11 Schlüssel ist vielleicht etwas verwirrend. Die Schlüssel (Meist schwarz) aus dem Multiplikator dienen vor allem dazu, die Türen / Deckel zu dem Hochspannungsteilen zu öffnen. Also zum Stromrichter oder zum Hauptschalter.

    Aber das Prinzip ist immer gleich.

    1. Schlüssel vom Stromabnehmer Absperrventil ->
    2. AC Hauptschalter erden - gibt bei modernen Loks Schlüssel frei ->
    3. DC Hauptschalter erden / Absperren des Dieselmotors (also damit man den nicht einschalten kann)

    Der letzte Schlüssel gibt beim Vectron auch noch den für die Zugheizdose frei.

    Nichts desto trotz muss im Stromrichter an den Erdungspunkten gemessen und mit einem Geschirr geerdet werden. Kondensatoren und so.

  • Mit 15 KV ist nicht zu spaßen, hatte da während meiner Fahrenszeit einige Erlebnisse. Zweimal Hauptschalterauslösung durch Vogelschlag. Beim erstenmal kriegte eine auf'm Tragseil sitzende Taube den Abflug nicht hin,und landete auf'm Trennmesser des Hauptschalters meiner 110. Da das bei Einfahrt zum Planhalt am Bahnsteig passierte und die Taube auch wegeschleudert wurde, ging nach Kontrolle und Rücksprache mit Unterwerk und Fahrdienstleiter die Reise weiter. An der Lok war nix passiert. Das zweite mal war es Nacht, ich kam mit einem Güterzug von Aachen nach Köln durch Düren. Bei der Durchfahrt unter der Strassenbrücke im Bf sah ich im dürftigen Lichtkegel der 140er mächtige Schwingen(vermutlich ein Bussard) abdrehend, da kam auch schon der Knall vom Hauptschalter. Fahrdrahtspannung war noch da. Also sicherheitshalber Bügel ab und rollen lassen und Fdl Düren angefunkt, der damals ja direkt neben der Brücke hauste. Alles an der Infrastruktur wohl OK. Aber um die Strecke nicht zu blockieren habe ich mich in Buir an die Seite nehmen lassen und bin bis dahin abgebügelt gerollt. Nach der Punktlandung vorm damals noch exsistierenden Fdl Buir, hat er mit dem Suchscheinwerfer den Dachgarten nach Schäden oder Vogelleiche abgesucht. Da war nix und nach Rücksprache konnte die Fahrt fortgesetzt werden. Die Lok ging nach Bendigung der Fahrt zur genaueren Untersuchung in die Werkstatt, war aber alles in Ordnung. Heftiger war kurz vorm Ausscheiden aus dem aktiven Dienst ein unter vollem Saft stehender abgerissener Fahrdraht . Ich stand mit meiner Lok am Einfahrgleis an der Schiebbühne im Bw Gremberg und wollte auf eines der Abstellgleise. Auf dem mir zugewiesenen Gleis machte sich gerade ein Kollege auf, um über die Schiebebühne zur Ausfahrt zu gelangen, und in den Bahnhof zu fahren. Als er realisierte das ich in sein Gleis wollte, alles andere stand recht voll, hat ihn das wohl ziemlich unter Druck gesetzt. Lok auf die Bühne und ( Die Bühne wird von den Lokführern selbst über Säule bedient) hat dann er das wichtigste vergessen. Den Taster Bügel ab. Der Hauptschalter knallte, war also aus . Tja aber aufgebügelt sollte man nicht die Bühne verfahren. Es war abends 23.00, dunkel und so nahm das Unheil seinen Lauf. Ehe ich überhaupt reagieren konnte, setzte sich die Schiebebühne in Bewegung. Der Stromabnehmer der 185 er rutschte vom Fahrdraht und schoss in die Höhe und der benachbarte Fahrdraht war nach weiterer Fahrt der Bühne dann fällig. Der spannte sich, riss und sausste wie ein Lasso oder besser eine Peitsche durch die Luft und landete mit dem abgerissenen Ende direkt ein paar Meter neben meiner Lok. Ein Silvesterfeuerwerk ist garnix dagegen, Überall Funken, ein schaurig tolles Szenario. Gott sei Dank lief da niemand herum und in meinem Faradayischen Käfig war ich ja auch Safe. Ich habe direkt Fdl und Lokleitung verständigt und habe dann meine Lok gesichert stehen gelassen und den armen Wurm seinem Schicksal überlassen. Es gab noch weitere Ereignisse, aber das würde hier alles sprengen...

    Gruß Wolfgang

  • Ein gegrilltes Federvieh ist wahrlich kein schöner Anblick. Die können es ganz schön krachen lassen. Erst letztens ist ein Vogel irgendwie zwischen einen Trennschalter gekommen. Ein lauter Knall und ein fetter Lichtblitz. In der Werkstatt bekomme ich natürlich auch so einiges mit...

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!