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Sonntag, 7. Mai 2017, 19:14

Anmerkungen zum S 49-Projekt

An die Freunde eines maßstäblichen und vorbildlichen Gleissystems:

Das S 49-Gleis von Eddie Dreyer bzw. Nachfolgern soll wiederbelebt werden. Ein lobenswertes und wohl auch mutiges Vorhaben. Wenn man sich am Vorbild mit seinen vielen verschiedenen Bauarten orientiert, kann dieses Vorhaben schnell sehr umfangreich werden oder, wenn man nicht aufpasst, schnell zu Fehlern führen. Ich kenne das Konzept der „Neuen“ nicht, habe aber eigene Vorstellungen. Ich habe längere Zeit überlegt ob ich mich hier als Nicht-1er (auch mit Kritik) einmische, schreibe aber jetzt doch mal einige Zeilen zu dem Thema.
Ich beschränke mich dabei auf die EW 49-190 mit den Endneigungen von 1:6,6 (1:6,285 bei der DR) bis 1:9.

Die
Varianten:


  1. Holz- oder Stahlschwellen

  2. Gelenkzungen Gz, Federzungen Fz oder Federschienenzungen Fsch

  3. einfache Herzstücke EH als einteilige geschmiedete Herzstücke oder verschiedene zweiteilige aus Vollprofil Vo 49 oder S 49 hergestellte. In einer Liste aus 1960 werden 12 Bauarten bei der DB aufgeführt. Für die DR liegen mir nicht besonders viele Informationen vor: in einem Handbuch aus 1973 beschränkt man sich auf zwei Versionen und einer baugleichen Variante mit hochfesten Schrauben. Vermutlich werden die älteren nicht mehr im Unterhaltungsbestand befindlichen Herzstücke hier nicht aufgeführt.

  4. Verschiedene Radlenkerlängen von 3100 bis 4600 mm

  5. Verschiedene Radlenkerformen: Rl 1-49 oder S 49

  6. Verschiedene Radlenkerbefestigung: mit Rippenplatten oder keilverspannt Bauart M

  7. Backenschienenabstützung mit Stü 5/7 oder keilverspannt Bauart M

  8. Varianten: Stoßlückenweiten, geschweißte Stöße

  9. Flachlaschen wurden von der DB geändert.

Diese Liste gibt in etwa die wesentlichen Entwicklungen von den 1920er Jahren bis 1965 wieder.

Aus den obigen Punkten ergibt sich eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten, wobei allerdings nicht jede Möglichkeit vorbildgerecht ist. Der wagemutige Unternehmer muss da ein (Baukasten?-)System finden, mit dem vorbildgerechte Weichen ab Epoche 2 für DRG, DB und DR erstellt werden können. Eine Richtschnurr für die Auswahl könnten die jeweils gültigen Regelbauarten sein. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Federschienenzunge erste Wahl, da extra Teile für Zungengelenk oder Zungenplatte entfallen. Abgesehen von Radlenkervarianten und Backenschienenabstützung können die Holzschwellen(-bohrungen) epocheübergreifend verwendet werden.

Regelbauarten werden natürlich nicht über Nacht flächendeckend eingebaut. Aber in Hauptgleisen werden sie bei Erneuerungen zuerst eingesetzt. Alte Weichen in den Nebengleisen und neue im Hauptgleis können ja ganz reizvoll sein.

Beispiel

DB-Regelbauart 1960: Ew 190 49-1:9 wird ausgeführt mit:

Holzschwellen, Fsch, Keilverspannung M, 4600 mm Radlenker und EH 4f (geschweißt) oder EH 4c (geschraubt)
Die Radlenker wurden versuchsweise schon mit S 49 und Keilverspannung M eingebaut.

Diese
Bauart löste folgende Regelbauarten ab:


  • Holz, Fsch, 4600 mm Rl und EH 4c

  • Holz/Stahl, Fz, 3200 mm Rl und EH 4c

  • Holz/Stahl, Gz, 3200 mm Rl und EH 4c


Für den Bereich der DR zeigen die Lagepläne Kürzungen der Radlenker und Flügelschienen um jeweils 100 mm auf 3100 mm und 3770 mm, wahrscheinlich zur Materialeinsparung.

Möglich und wahrscheinlich ist, dass die „Neuen Anbieter“ die „alte EW 190“ von Dreyer bzw. Nolte kaum verändert übernehmen. Deshalb mein kleiner Kommentar:
  • Die Radlenkerschienen sind beim Vorbild 6012 mm lang und sind bei meinem Modell ein wenig zu lang.
  • Die Herzstückspitzenschienen sind ein wenig zu kurz.
  • Die Flügelschienen sind nicht wie beim Vorbild bearbeitet.
  • Das Herzstück ist aus S 49 gefertigt und kann daher nur das EH 204s als Vorbild haben.

Dieses Herzstück wird auch Bauart 1941 oder Kriegsbauart genannt. Ebenso wie bei den Kriegslokomotiven versuchte das Regime auch im Weichenbau Material und Fertigungsaufwand einzusparen. Diese Schienenprofilherzstücke wurden für EW 190 und EW 300 sowie EKW 190 und DKW 190 jeweils 1:9 gezeichnet.
Diese EH sind nicht so stabil wie die „normalen“ aus Vollschienen gefertigten Herzstücke und m.M. ist es wenig wahrscheinlich, dass sie jemals in Hauptgleise eingebaut wurden. Bei der DB wurden sie bald aus dem Unterhaltungsbestand genommen. Bei der DR wurde dieses Modell jedoch weiter gepflegt und neben Vollschienen-EH zur Regelbauart erhoben. Es wurden auch weitere Weichenarten (EW 500) mit diesen EH ausgestattet. (Materialmangel?)
Meine Skepsis bezüglich des Einsatzes bei der DB begründe ich nicht nur mit der konstruktiven Schwäche der EH. Die Zeichnungen für Weichen mit diesem Herzstück zeigen sogenannte offene Unterlagsplatten statt der bekannten Rippenplatten. (Es mag sein, dass dies bei der DR im Rahmen der Modellpflege geändert wurde.)

Die offenen Unterlagsplatten sind schlichte 16 mm starke Bleche mit Ausnehmungen für Schwellenschrauben und Klemmplattenzapfen. Die Befestigung der Schienen erfolgt mit speziellen Klemmplatten und Schwellenschrauben.

Die Errungenschaft des Oberbau K mit Rippenplatten, nämlich: Trennung der Befestigung der Platte auf der Schwelle (Schwellenschrauben) von der Führungsaufgabe und Befestigung der Schiene auf der Platte (Rippen und Klemmplatten mit Hakenschrauben) wurde mit diesem Sparmodell aufgegeben. Das will für mich nicht so recht zu Hauptgleisen passen.

Darüberhinaus habe ich für die DB dieses Herzstück ausschließlich auf Holzschwellen und nur in Verbindung mit Gelenkzungen verzeichnet.

Selbst wenn es die Weiche in der nachgebildeten Form bei der DB irgendwo gegeben haben sollte: typisch und allgemein verwendbar wäre sie mit Sicherheit nicht.

Die Nachbildung dieses Herzstücks kann man auf dem Foto von ospizo vom Oktober 2014 sehen (ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich das hier nutze).Zum Vergleich zeige ich ein Foto von einer Ausstellung des Weichenwerkes Witten. Die beiden anderen Fotos zeigen EH 4c und EH 4f.


Gruß
Jürgen
»Herzstück« hat folgende Bilder angehängt:
  • EH 4c.jpg
  • EH 4f.jpg
  • 204s ospizio.jpg
  • EH 1941 204s.jpg

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Herzstück« (8. Mai 2017, 06:54)


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Beruf: Konstrukteur, Dozent für Metall-und Steuerungstechnik, nebenbei auch Eisenbahner in 1:1

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Donnerstag, 18. Mai 2017, 06:30

Hallo Jürgen,

vielen Dank für Deinen tollen Beitrag!

So wie ich Herrn Meiburg von Hosenträger Rail verstanden habe, wird zumindest das "Kriegsherzstück" abgeschafft und durch ein sinnvolleres ersetzt.
Das neue soll gegossen und dann überfräst werden.
Auch aus logistischer Sicht wird die Umsetzung der zahllosen Vorbildvarianten aber ein Wunschtraum bleiben.

Viele Grüße
Michael

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »mf pur« (18. Mai 2017, 09:53)